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Full text of "Artist 93 Nov 2012"

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Bremer Förderpreis für Bildende Kunst 2009 an Elianna Renner / Städtische Galerie zeigt Nominierte 

Schaltung zur Front 

Bremen - Von Rainer Beßling (Eig. Ber.) ■ Diesmal führt der Weg zur Kunst durch den Notausgang. Sonja 
Rentsch fällt mit ihrem Beitrag zum diesjährigen und 33. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst buchstäblich 
mit der Tür ins Haus. 




Elianna Renner: „22.1.08". Die Jury über die Förderpreisträgerin 2009: „Elianna Renner überzeugt durch ihre 
konsequente narrative Haltung. Ihre Geschichten erzählen Geschichte, sind dramatisch und dennoch ironisch und 
in jedem Fall aktuell." 

Die Besucher tragen auf dem Umweg über das Schmelzwasser nasse Grün am Deich ihre Spuren auf eine Tür 
große Tafel und - so eine poetische Deutung aus Kennerkreisen im Hintergrund - damit ihre das Kunstwerk mit 
konstituierenden Gedanken in die Städtische Galerie. 

Acht Künstlerinnen und drei Künstler hat eine regionale Vorschlagskommission aus 44 Bewerbungen nominiert. 
Peter-Jörg Splettstößer machte daraus eine sehenswerte Präsentation, die nun unter anderem dazu einlädt, die 
Entscheidung einer überregionalen Jury zu reflektieren. Brigitte Franzen (Aachen), Gregor Jansen (Düsseldorf), 
Susanne Pfeffer (Berlin), Stephan Strsembski (Bonn) und Rene Zechlin (Hannover) sprachen der 1977 in Zürich 
geborenen Elianna Renner, Schülerin von Jean Francois Guiton (HfK Bremen) den Förderpreis 2009 (5 550 
Euro) zu. 

Der siegreiche Beitrag befindet sich am ehemaligen Haupteingang und damit dramaturgisch diesmal 
wirkungsvoll am Ende des Ausstellungsparcours. Sollte sich der Besucher bereits reichlich erfüllt fühlen von den 
abgeschrittenen Exponaten, dürfte ihm der Minimalismus von Elianna Renners Werk entgegen kommen. In 



einem von schwarzem Tuch abgetrennten Kabinett findet er einen aufgesockelten Druckschalter im Lichtkegel 
einer kleinen Lampe. 

Abhängig vom Verhalten des Vorgängers trifft er auf eine laufende Tonspur oder er fühlt sich, das suggeriert die 
Installation, im besten Fall aufgefordert, den Schalter zu betätigen. Dabei würde er merken, dass entgegen seiner 
im Konzept vorausgesetzten Erwartung, nicht Schalter und Licht, sondern Schalter und Ton gekoppelt sind. Für 
die achtminütige Tonspur muss er sich Zeit nehmen, um die Installation würdigen zu können. 

Zu hören ist die Schilderung eines Gesprächs auf einer Autofahrt. Über die Mitfahrer-Zentrale trifft eine junge 
Jüdin auf einen Palästinenser mit rassistisch-religionsfanatischer Haltung und mehr oder weniger ausgeprägter 
Terrorneigung. Das erschließt sich allerdings erst im Verlauf der Fahrt. Der Brückenschlag zwischen 
Raumanordnung und Erzählung ist nachvollziehbar: Die Zufälligkeit des Aufeinandertreffens und letztlich auch 
Hineingeborenseins in die Rollen, die Ausweglosigkeit in der Fahrsituation auf der einen Seite. Auf der anderen 
das Hineingezogenwerdens und Hineinplatzens des Außenstehenden, der nur die falschen Hebel umlegen kann, 
wenn er sich einschaltet und den auch kein Kunstlicht zu Erhellung dieses Dauerkonflikts führt. Man kann 
Elianna Renners Werk auszeichnen, wenn man Reduktion absolut setzt und den Kommentar zu einem 
Krisenklassiker würdigt. Formalästhetisch, sowohl die Installation als den Text betreffend, darf über die 
Entscheidung auch gestritten werden. 

Komplexer, sowohl was die einzelnen medialen Elemente als auch deren Kombination betrifft, ist der Beitrag 
von Franziska Metzger, derzeit Stipendiatin der Künstlerstätte Stuhr-Heiligenrode. Zum Verhängnis könnte ihr 
die hintergründige Provinzkulisse und der vielfach gebrochene Mix aus Ironie und Tiefsinn geworden sein. Die 
kompositorischen Qualitäten der Künstlerin, gleichermaßen in Bild, Ton und Wort, verdienen jedenfalls 
Beachtung. 

Auch die Qualität der übrigen Wettbewerbsbeiträge lässt vermuten, dass der Jury die Urteilsfindung nicht leicht 
gefallen sein kann. Ina Raschkes eigens für die Ausstellung realisierte Installation dynamisiert die Linie 
geradezu explosiv und verlängert Zeichnung auf eine schlüssige und ästhetisch beeindruckende Weise in den 
Raum. Katja Blums zarte kartografische Objektbilder bestehen sowohl an den großen weißen Galeriewänden als 
gegenüber einem vielschichtigen Wandkörper, den Patricia Lambertus mit Tapeten, Tapeten-Zitaten, Foto- 
Tapeten und Mauerwerkfakes zu einer Paradiesprojektion im Privatreich ausstaffiert hat. 

Sibylle Springer zeigt ihre malerisch begeisternden U-Bahn-Bilder, in denen sich Lichtspuren und Graffiti- 
Anspielungen zu Farbexplosionen fügen. Kinki Texas macht den begehrlichen Griff zur Kunst mit einem 
besonderen Angebot an Zeichnungen zum Thema, Andre Sasenroth für die Gruppe Marnic Circus erinnert mit 
einer Bretterbude an der Galerieaußenwand an die künstlerische Inbeschlagnahme von leer stehenden Häusern 
und mit trashiger Möblierung an den Eigensinn von Wohnwelten. 

Christian Holtmann befragt mit seinen Hinterkopfporträts von Glatzenträgern Klischees und Zuschreibungen, 
lässt den Kahlschlag zwischen Gruppenattribut, Modeentscheidung und politischem Label changieren. Mia 
Unverzagt hat auf einer Mittelamerika-Reise ihre Kinder fotografiert und die Fotos Menschen vor Ort zur 
Ausschmückung mit folkloristischen Stickmotiven übergegeben: eine bunte interkulturelle Begegnung. 

Die Jury bescheinigte den Beiträgen allesamt hohes Niveau. Die Künstlerinnen und Künstler dürfen nun hoffen, 
dass ihre Namen mit in die nationalen Kunstzentren getragen werden. Es gibt nicht viele überregional 
bedeutende Schaufenster für die Bremer Szene. 

Eröffnung und Preisverleihung heute, 20 Uhr. 

Kreiszeitung, 01.03.2010, Rainer Bessling 

Link: http://www.kreiszeitung.de/nachrichten/kultur/lokal/schaltung-front-652273.html